Zusammenarbeit oder Lernwettbewerb

Bild: Zwei Hockeyspieler mit Schiedrichter
Bild: Jerry Yu auf unsplash.com, bearb. mit triangulator

Das Design von “Lernwettbewerbe” geht von der Annahme aus, dass das Element des Wettbewerbs den Zusammenhalt und den Einsatz innerhalb der Gruppe stärkt. Die Lernergebnisse scheint dies aber eher zu verschlechtern

“Competitive Learning” und Kollaboration

Neben dem kollaborativem Lernen gibt es im e-Learning auch das “kompetitive” Lernformate. Dabei werden verschiedene Gruppen von Lernenden gebildet, die untereinander zwar kooperieren, mit den anderen Gruppen jedoch im Wettbewerb stehen. Der Wettbewerb zwischen den Gruppen wird oft mit Online-Quizformaten wie Kahoot unterstüzt:

When students work under collaborative conditions with intergroup competition, groups can compete with each other […]. With this combination, a greater effort to achieve a competitive goal is generated within each group, while, simultaneously, collaboration between members of the group makes learning easier (through socioeconomic conflict) and allows the individual to counteract negative emotional effects (since s/he is part of the group).

Guitiérrez-Brajos, Montejo-Gámez, Jiménez, Martínez Martínez: Positive Interdependence in Blended Learning Environments: Is it worth collaborating? In: Daniela / Lytras: Learning Strategies and Constructionism in Modern Education Settings (2018), S. 50-68, hier S. 54. DOI 10.4018/978-1-5225-5430-1.ch004

Höhere Qualität der Beiträge in kollaborativen Settings

Eine kleine Studie von 2018 hat die Wirksamkeit von “competitive learning” einmal getestet; eine positive Wirkung von Wettbewerben innerhalb der Lerngruppe ließ sich nicht bestätigen. Im Gegenteil; die Ergebnisse der Teilnehmenden in kollaborativen Lernsettings waren deutlich komplexer:

Regarding learning conditions, content analyses found that students in the collaborative conditions provide a greater number of contributions with deep cognitive complexity (71,15% deep contributions; 15,35% surface contributions) than those in the intergroup competition condition (43,13 deep contributions; 45,10% surface contributions) and those in the inter-individual competition condition (48,94% deep contribution; 38,30% surface contributions)

Ebd., S. 60

In short, teaching methods based on goal structures that stress cooperative relations foster higher quality learnings than competitive conditions. […] Likewise, this research also allows us to conclude that collaboration without competition was more effective than other conditions where competition and collaboration were balanced.

Ebd., S. 62

Die Anzahl der komplexeren, ‘wertvolleren’ Beiträge in der kollaborativen Gruppe sind fast doppelt so hoch wie in der Wettbewerbs-Gruppe, das ist ein erstaunlich deutlicher Unterschied in der Qualität der Lernbeiträge. Die zitierte Studie ist mit nur 36 Teilnehmenden statistisch noch wenig aussagekräftig aufgestellt, erst mit einer größeren Teilnehmerzahl und weiteren Studien ließe sich der Effekt sicher bestätigen und auch verstehen.

Kollektive kognitive Verantwortung

Bei dem Einsatz von Quiz- und Wettbewerbsformaten ist trotzdem Vorsicht angebracht; wenn man beim Lernen “gegeneinander” spielt, geht das auf Kosten der gemeinsamen Verantwortung für den Lernerfolg der Gruppe. Marlene Scardamalia bezeichnet dies als “collective cognitive responsibility”:

In a well-functioning office, the staff will not only keep records and appointments in order and get required work out on time; they will also take responsibility for knowing what needs to be known and for insuring that others know what needs to be known. This is what is meant by collective cognitive responsibility (2)

Scardamalia, M. (2002). Collective Cognitive Responsibility for the Advancement of Knowledge. In B. Smith (Ed.), Liberal Education in a Knowledge Society (pp. 67-98). Chicago, IL: Open Court. S. 2. http://www.ikit.org/fulltext/inpressCollectiveCog.pdf (abger. 09.08.2019).

Folgt man diesem Gedanken weiter, dann reicht es nicht aus, im virtuellen Raum einfach eine kollaborative Lernumgebung aufzubauen. Erst wenn die Lerngruppe gemeinsam die Verantwortung übernimmt, dass alle Teilnehmenden das Lernziel erreichen, wird das Potenzial der Online-Kollaboration wirklich ausgeschöpft. ‘Lernwettbewerbe’ innerhalb der Gruppe sind dazu nicht hilfreich, von Systemen mit Schulnoten gar nicht zu reden.