Kunst für alle? Austausch und Sichtbarkeit mit freien Lizenzen

Kunst für alle? Austausch und Sichtbarkeit mit freien Lizenzen

Bild: Jor­ge Royan / http://www.royan.com.ar / CC-BY-SA-3.0

Die Aus­ein­an­der­set­zung mit Kunst im Netz fin­det in einer recht­li­chen Grau­zo­ne statt. Eine offe­ne Bild­po­li­tik mit frei­en Lizen­zen bie­tet neue Mög­lich­kei­ten für Künst­ler und Kura­to­ren, die Chan­cen der Digi­ta­li­sie­rung zu nut­zen. (Gast­kom­men­tar im Mono­pol-Maga­zin)

Mit sei­ner Aus­stel­lung “Kunst für alle” an der Ber­li­ner Aka­de­mie der Küns­te möch­te der Gra­fi­ker, Samm­ler und Aka­de­mie­prä­si­dent Klaus Staeck den Men­schen wie­der Mut machen, von ihrer Krea­ti­vi­tät Gebrauch zu machen. Die aus­ge­stell­ten “Mul­ti­ples” zie­len auf eine Befrei­ung der Kunst aus dem bür­ger­li­chen Ghet­to, eine Öff­nung des geschlos­se­nen Kunst­sys­tems nach dem Mot­to von Joseph Beuys: “Ich bin inter­es­siert an der Ver­brei­tung von phy­si­schen Vehi­keln in Form von Edi­tio­nen, weil ich an der Ver­brei­tung von Ide­en inter­es­siert bin.”

Das bewusst anti­au­ra­ti­sche Kon­zept stößt an die Gren­zen des gel­ten­den Urhe­ber­rechts. An der Eröff­nung nah­men mehr als sechs­hun­dert Gäs­te teil, auf sozia­len Netz­wer­ken war die Ver­an­stal­tung den­noch nahe­zu unsicht­bar. Wie in den meis­ten Aus­stel­lun­gen gilt auch bei “Kunst für alle” ein strik­tes Foto­gra­fier­ver­bot, Aus­nah­men gibt es nur nach vor­he­ri­ger Abspra­che. Die­se Situa­ti­on ist nicht über­ra­schend: Wer unge­fragt Bil­der von Gegen­warts­kunst teilt, ris­kiert einen teu­ren Rechts­streit.

Wie der Urhe­ber­rechts­spe­zia­list Till Kreut­zer von der Info­platt­form iRights fest­stellt, behin­dert die aktu­el­le Rechts­la­ge eben­so den frei­en Zugang wie auch die krea­ti­ve Ent­fal­tung. Die in der Aus­stel­lung ver­tre­te­nen Künst­ler dage­gen kopie­ren völ­lig hem­mung­los. In zahl­rei­chen Gra­fi­ken wer­den bekann­te Wer­ke der Kunst­ge­schich­te und geschütz­te Mar­ken ver­wen­det, ger­ne auch Schat­ten­ris­se der Dis­ney-Maus mit Erek­ti­on oder abge­trenn­tem Arm. In sei­nem Pla­kat “Die vier apo­ka­lyp­ti­schen Rei­ter“ergänzt Klaus Staeck das gleich­na­mi­ge Werk Albrecht Dürers um die Namen von bekann­ten Inter­net­kon­zer­nen.

Auch wenn es sich bei der Gra­fik selbst um einen Remix han­delt, gilt für das neu ent­stan­de­ne Werk das Staeck-Copy­right: Eine kri­ti­sche Rekon­tex­tua­li­sie­rung wie in der sur­rea­lis­ti­schen Mon­ta­ge “La femme cachée” wäre ohne expli­zi­te Geneh­mi­gung eben­so­we­nig mög­lich wie eine Abbil­dung in der Wiki­pe­dia. Eine Aus­ein­an­der­set­zung mit der Aus­stel­lung in Form von Appro­pria­ti­on Art, Twit­ter-Posts oder Blog­ar­ti­keln setzt umständ­li­che Geneh­mi­gun­gen, hohe Gebüh­ren und büro­kra­ti­sche Lei­dens­fä­hig­keit vor­aus. Falls die Urhe­ber zu spät ant­wor­ten oder der Kon­text nicht genehm erscheint, muss der demo­kra­tisch-krea­ti­ve Besu­cher mit einer Abmah­nung rech­nen, sofern er nicht ganz auf den Bei­trag ver­zich­tet.

Auf­grund der Rechts­la­ge bewegt sich Gegen­warts­kunst im Netz an äußerst kur­zer Lei­ne. Auch wenn Künst­ler regel­mä­ßig selbst von frei ver­füg­ba­rer Inspi­ra­ti­on pro­fi­tie­ren, die Frei­ga­be von Inhal­ten wird in der bil­den­den Kunst noch immer sel­ten genutzt. Zugleich wächst die Bedeu­tung einer hohen Sicht­bar­keit der Wer­ke im Netz, einer unkom­pli­zier­ten Ver­brei­tung und einer stär­ke­ren Öff­nung für eine akti­ve Betei­li­gung der Betrach­ter. Auf der Grund­la­ge des Urhe­ber­rechts gibt es dazu meh­re­re Mög­lich­kei­ten, wel­che eine freie Nut­zung nach der Open Defi­ni­ti­onerlau­ben. Eine bewähr­te Lösung bie­ten die fol­gen­den Crea­ti­ve Com­mons-Lizen­zen:

  • Nach der Lizenz CC0 wird das Werk in die Gemein­frei­heit ent­las­sen, ohne wei­te­re Pflich­ten für die Nut­zer. Der Urhe­ber ver­zich­tet hier frei­wil­lig auf sämt­li­che Schutz­rech­te, das Werk ist Teil der public domain.
  • Mit die­ser Lizenz CC-BY kön­nen Inhal­te nur dann wei­ter­ver­wen­det und geteilt wer­den, solan­ge Urhe­ber, Titel, Quel­le und Lizenz­form des Bil­des mit ange­ge­ben wer­den.
  • Die Lizenz CC-BY-SA wirkt sich dar­über hin­aus auf die die nach­fol­gen­den Bear­bei­tun­gen aus: Wer auf dem Bild­ma­te­ri­al auf­baut, darf sei­ne Bei­trä­ge eben­falls nur unter die­ser Lizenz ver­brei­ten.

Vom Umgang mit uner­war­te­ten Nut­zun­gen

Eine häu­fi­ge Fra­ge­stel­lung bei frei­en Lizen­zen ist der Umgang mit einer mög­li­chen kom­mer­zi­el­len Nut­zung der Wer­ke. Neben den Sei­ten von Fir­men und Zei­tun­gen gel­ten auch vie­le Blogs zu Nischen­the­men bereits als kom­mer­zi­ell. Dar­aus erge­ben sich neue Fra­ge­stel­lun­gen: Wie gehen Künst­ler mit einer Serie bedruck­ter Kaf­fee­tas­sen um oder damit, wenn eine Fir­ma Bil­der mit CC-Lizenz unge­fragt auf ihre Web­sei­te stellt?

Unter tau­sen­den von will­kom­me­nen Kopi­en in Blogs oder Zei­tun­gen sind uner­wünsch­te Ver­wen­dun­gen von Wer­ken mit frei­er Lizenz noch immer sel­ten. Uner­war­te­te Nut­zung wird von Rech­te­inha­bern meist igno­riert, da jede Kopie den Wert der limi­tier­ten Ori­gi­na­le poten­ti­ell stei­gert. Bei CC-Lizen­zen sind Namens­nen­nun­gen nur in einer Form erlaubt, bei der nicht der Ein­druck ent­steht, der Lizenz­ge­ber unter­stüt­ze die Nut­zung in die­sem Kon­text beson­ders.

Die Angst vor dem fal­schen Kon­text lässt sich umkeh­ren: Kom­mer­zi­el­le Anbie­ter sind bei der Ver­wen­dung von Mate­ri­al mit frei­en Lizen­zen aus guten Grün­den vor­sich­tig. Wäh­rend der Podi­ums­dis­kus­si­on zu “Kunst für alle” berich­te­te der Ber­li­ner Regis­seur Her­bert Fritsch aus der Pra­xis der Volks­büh­ne: Ein Zuschau­er mur­melt stän­dig “Heil Hit­ler”, die Schau­spie­ler bit­ten den Stö­ren­fried nach vor­ne, stel­len ihn damit ruhig und ent­zau­bern des­sen Ein­fluss. Unge­woll­te Publi­kums­bei­trä­ge wer­den in das Spiel mit ein­be­zo­gen und dadurch ver­wan­delt.

Wer unge­fragt ein Kunst­werk nutzt, muss im Netz eben­falls mit deut­li­chem Wider­spruch und nega­ti­ver PR rech­nen. Durch die recht­li­che Ver­pflich­tung zur Quel­len­an­ga­be bei CC-BY-Lizen­zen ver­weist jede Abbil­dung zurück auf den Urhe­ber und eröff­net die Gele­gen­heit zum Kom­men­tar auf der eige­nen Platt­form. Auf die­se Wei­se ent­steht gleich­sam eine Büh­ne für die eige­ne Posi­ti­on. Bei einer CC-BY-SA-Lizenz steht der kom­mer­zi­el­le Zusam­men­hang selbst zur Nach­nut­zung frei, kann also noch leich­ter kom­men­tiert und par­odiert wer­den. Wie John Weit­z­mann von Crea­ti­ve Com­mons Deutsch­land beob­ach­tet, haben beson­ders Wer­be­agen­tu­ren “kein Inter­es­se dar­an, dass plötz­lich jeder mit ihrer Wer­bung machen kann, was er will.“Statt büro­kra­ti­schen Schran­ken wer­den Wer­ke mit frei­en Lizen­zen von einer neu­en Qua­li­tät der Ver­net­zung beglei­tet.

Hän­gen Defi­ni­ti­on und Bewer­tung von Bil­dern als Kunst tat­säch­lich nur vom rich­ti­gen Kon­text ab? Berei­chern sozia­le Netz­wer­ke die Rezep­ti­on? Wie inter­es­sant sind Künst­ler für För­der­insti­tu­tio­nen, wenn Tei­le ihres Wer­kes im Netz popu­lär sind? Rech­te­inha­bern ist zu emp­feh­len, die Fra­ge der Lizen­sie­rung bei der Pla­nung von Aus­stel­lun­gen mit ein­zu­be­zie­hen. Neben einer brei­ten Dis­kus­si­on über die Markt­be­din­gun­gen und För­der­mög­lich­kei­ten von Gegen­warts­kunst sind Pilot­pro­jek­te beson­ders auf­schluss­reich, um die Ver­wen­dung von frei­en Lizen­zen zu bewer­ten.

Gelun­ge­ne Ver­mitt­lung mit frei­em Zugang

Wie man moder­ne Kunst­ver­mitt­lung inno­va­tiv und gelas­sen gestal­tet, demons­triert das Ams­ter­da­mer Rijks­mu­se­um. In dem Online-Por­tal Rijks­stu­dio kann man 190.000 Bil­der in höchs­ter Qua­li­tät her­un­ter­la­den. Da die meis­ten Urhe­ber bereits seit mehr als 70 Jah­ren ver­stor­ben sind, ste­hen die Inhal­te in der public domain. Die­se Groß­zü­gig­keit ist kei­ne Aus­nah­me, neben ande­ren Insti­tu­tio­nen bie­tet auch das EU-Pro­jekt Europeana Meta­da­ten  mit einer CC0-Lizenz an. Die Data­ma­na­ge­rin des Rijks­mu­se­ums Liz­zy Jong­ma zeigt sich voll­kom­men unbe­sorgt vor dem digi­ta­len Kon­troll­ver­lust: “We are so hap­py with wha­te­ver peop­le do with our collec­tion!” Auch Direk­tor Taco Dib­bits freut sich noch im Fal­le von bedruck­ten Klei­dern, Sitz­sä­cken und Toi­let­ten­pa­pier herz­lich über die hohe Repro­duk­ti­ons­qua­li­tät der Wer­ke und die wach­sen­de Bekannt­heit des Hau­ses. Der kunst­his­to­ri­schen Bewer­tung von Ver­meer hat dies bis­lang nicht gescha­det.

Auf der Grund­la­ge von frei­en CC-BY-Lizen­zen funk­tio­niert auch das Por­talhintme.dk der däni­schen Natio­nal­ga­le­rie. Dank pas­sen­der Twit­ter-Hash­tags wird jedes Werk durch eine Ebe­ne der Inter­ak­ti­on ergänzt. Für Aus­stel­lun­gen bie­tet die­ses Kon­zept eine ele­gan­te Lösung: Auch wenn nur eine klei­ne Aus­wahl mit einer frei­en Lizenz ange­bo­ten wird, kön­nen Besu­cher und Medi­en rechts­si­cher für die Ver­an­stal­tung wer­ben.

Mit dem Hacka­thon “Coding da Vin­ci” gehen Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen noch einen Schritt wei­ter: Hier wer­den die Daten nicht nur geteilt, son­dern auch von Pro­gram­mie­ren und Desi­gnern in neue For­ma­te ver­wan­delt. So ent­stan­den 2014 unter ande­rem ein Online-Denk­mal, ein tan­zen­der Käfer-Robo­ter und eine Wecker-App mit Auf­nah­men von Vogel­stim­men. Auch in die­sem Jahr wer­den wie­der zahl­rei­che Teil­neh­mer erwar­tet, sämt­li­che Daten ste­hen mit frei­en CC-Lizen­zen nach der Open Defi­ni­ti­on bereit und sind für alle Inter­es­sen­ten dau­er­haft nutz­bar.

Wie lässt sich Gegen­warts­kunst auch im Digi­ta­len glaub­wür­dig und wirk­sam ver­mit­teln? Um fle­xi­ble­re For­men der Ver­gü­tung zu ermög­li­chen, lie­ße sich bei­spiels­wei­se eine neue Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft grün­den, ähn­lich der Crea­ti­ve Com­mons Collec­ting Socie­ty (C3S) in der Musik. Bei der Nut­zung frei­er Lizen­zen für ein­zel­ne Wer­ke zeigt sich die VG Bild-Kunst erfreu­lich auf­ge­schlos­sen. Lang­fris­tig bie­tet eine vor­sich­ti­ge Anpas­sung des Urhe­ber­rechts nach den Vor­schlä­gen der Initia­ti­ve “Recht auf Remix” die Mög­lich­keit, krea­ti­ve Kopi­en groß­zü­gi­ger zu erlau­ben und Rech­te­inha­ber dafür zu ver­gü­ten. Bis sich eine umfas­sen­de Lösung fin­det, ist die Ver­wen­dung von Crea­ti­ve-Com­mons-Lizen­zen über­all dort zu emp­feh­len, wo die Ver­brei­tung von Ide­en und ein frei­er Zugang zur Kunst im Vor­der­grund steht.

Abge­se­hen von der restrik­ti­ven Bild­po­li­tik ist die Aus­stel­lung “Kunst für alle” sehr zu emp­feh­len. Kon­zept und Titel erin­nern an das alte Ver­spre­chen der Kunst, mit ihren Irri­ta­tio­nen und Anre­gun­gen in allen Schich­ten der Gesell­schaft zu wir­ken. Mit der Digi­ta­li­sie­rung erge­ben sich dazu neue Mög­lich­kei­ten. Wie set­zen wir die­se Gele­gen­heit um?

Für Künst­ler und ande­re Rech­te­inha­ber, die Wer­ke in Pilot­pro­jek­ten mit Crea­ti­ve Com­mons-Lizen­zen frei­ge­ben möch­ten, bie­ten Platt­for­men wie Open Know­ledge Foun­da­ti­on, iRights.info, Crea­ti­ve Com­mons, RechtaufRemix.org und Wiki­me­dia Deutsch­land wei­te­re Infor­ma­tio­nen sowie Ansprech­part­ner bei Fra­gen. Ver­tre­ter von Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten und Muse­en sind eben­falls ein­ge­la­den, zukunfts­wei­sen­de Lösun­gen für offe­nes Wis­sen im Aus­tausch zu ent­wi­ckeln.

Update 16.04.2014: Nach Rück­spra­che mit Klaus Staeck wur­de das Foto­gra­fie­ver­bot in der Aus­stel­lung KUNST FÜR ALLE auf­ge­ho­ben. Damit sind Auf­nah­men für den Eigen­ge­brauch mög­lich, ein Remix oder die Wei­ter­ga­be im Inter­net ist wei­ter­hin im Ein­zel­fall zu klä­ren.