Dissertation veröffentlichen ohne Kosten? Ein Erfahrungsbericht

Dissertation veröffentlichen ohne Kosten? Ein Erfahrungsbericht

Bild: Wil­hei, Wiki­me­dia Com­mons (CC-BY). http://bit.ly/1yJClTZ

tl;dr: Wis­sen­schafts­ver­la­ge for­dern zwi­schen 2.535 € und 7.500 €, um eine Dis­ser­ta­ti­on zu ver­öf­fent­li­chen. Mit Self-Publi­shing und Open Access ist es deut­lich güns­ti­ger; es gibt aller­dings weni­ger Gla­mour. Bei der Ver­öf­fent­li­chung lohnt es sich, nicht beim Kor­rek­to­rat zu spa­ren und die Arbeit gut zu ver­net­zen (Check­lis­te unten).

Ende 2012 woll­te ich mei­ne Dis­ser­ta­ti­on ver­öf­fent­li­chen, für eine teu­re Publi­ka­ti­on in einem Wis­sen­schafts­ver­lag fehl­ten mir damals aber die Mit­tel. Nach einem For­schungs­auf­ent­halt in Har­vard, Rus­sisch­kur­sen in Mos­kau und einer Tren­nung  war ich frisch in Ber­lin ange­kom­men. Ich such­te gera­de eine Woh­nung, beruf­lich zeich­ne­ten sich bereits neue Wege jen­seits der Wis­sen­schaft ab: Ich arbei­te­te als frei­er Online-Redak­teur und lern­te die Ber­li­ner Start­up-Welt ken­nen. Ich hat­te zu einem aktu­el­len The­ma der Gegen­warts­li­te­ra­tur pro­mo­viert, zu den Ergeb­nis­sen der Arbeit gab es in der Ger­ma­nis­tik bereits posi­ti­ve Reak­tio­nen. Umso wich­ti­ger war es mir, dass die Ergeb­nis­se schnell ver­öf­fent­licht wur­den und von ande­ren For­schern genutzt wer­den konn­ten. Bis­her hat­te ich mich vor­wie­gend mit Inhal­ten beschäf­tigt, nun ging es um ande­re Fra­gen: Wel­cher Ver­lag wür­de mei­ne Dis­ser­ta­ti­on ver­öf­fent­li­chen und wie lie­ße sich das finan­zie­ren?

Digital, gedruckt oder beides?

Durch mei­ne guten Erfah­run­gen mit digi­ta­len Tex­ten woll­te ich mei­ne Dis­ser­ta­ti­on nicht nur als gedruck­tes Buch ver­öf­fent­li­chen, son­dern auch im Inter­net. Bei den meis­ten Ver­la­gen war dies auch Mit­te 2013 noch nicht selbst­ver­ständ­lich: Wäh­rend mei­ner Tätig­keit an der Uni hat­te ich bereits meh­re­re Auf­sät­ze in ein­schlä­gi­gen Wis­sen­schafts­ver­la­gen publi­ziert. Die­se Tex­te waren im Netz prak­tisch unsicht­bar. Selbst die Auf­find­bar­keit über die Goog­le-Buch­su­che wur­de erst nach hart­nä­cki­gen Anfra­gen per Email und über die öffent­li­che Face­book­sei­te des Ver­la­ges ermög­licht.

Mit sol­chen Bedin­gun­gen konn­te ich mich nicht anfreun­den. Bei ver­schie­de­nen Aus­lands­auf­ent­hal­ten hat­te ich mir ange­wöhnt, mit digi­tal ver­füg­ba­ren Tex­ten zu arbei­ten. Mit Hil­fe eines Ein­zugscan­ners hat­te ich die kom­plet­te Sekun­där­li­te­ra­tur zu Beginn der Schreib­pha­se in hand­li­che PDF-Datei­en. Pro Auf­satz dau­er­te dies weni­ger als eine Minu­te. Durch die digi­ta­le Ver­füg­bar­keit erga­ben sich erwei­ter­te Per­spek­ti­ven auf das Mate­ri­al. So wur­den mit der Soft­ware „DevonT­hink­Pro“ neue Ver­knüp­fun­gen sicht­bar, über die seman­ti­sche Suche fand sich zu jedem Stich­wort stets der pas­sen­de Auf­satz. Die Digi­ta­li­sie­rung sämt­li­cher Mate­ria­li­en ermög­lich­te ein orts­un­ab­hän­gi­ges Arbei­ten ohne stö­ren­des Über­ge­päck aus Papier.

Ledig­lich in Buch­form eine Dis­ser­ta­ti­on zu ver­öf­fent­li­chen, erschien mir unter die­sen Umstän­den gera­de­zu unfreund­lich gegen­über ande­ren For­schern. Zum Glück gab es an mei­ner Uni­ver­si­tät den Open-Access-Dis­ser­ta­ti­ons­ser­ver eDiss, auf dem man sei­ne Arbeit ohne Kos­ten im Open Access ver­öf­fent­li­chen konn­te. Mit einer Crea­ti­ve-Com­mons-Lizenz konn­te die Arbeit von ande­ren For­schern welt­weit geteilt wer­den.

Gleich­zei­tig war mir bewusst, dass rei­ne Inter­net­pu­bli­ka­tio­nen in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten sel­ten rezen­siert wur­den. Aus mei­ner Biblio­theks­zeit wuss­te ich zudem, dass Bücher häu­fig zuerst über das Biblio­theks­re­gal wahr­ge­nom­men wer­den — die Ent­schei­dung zur Anschaf­fung durch eine Bestands­ab­tei­lung wirkt wie ein Fil­ter. Auf eine gedruck­te Ver­si­on woll­te ich daher nicht ver­zich­ten.

Kosten und Aufwand

Wäh­rend der Abschluss­pha­se erkun­dig­te ich mich zuerst bei Freun­den und Kol­le­gen, wo ich mei­ne Dis­ser­ta­ti­on ver­öf­fent­li­chen könn­te. In mei­nem Gra­du­ier­ten­kol­leg gab es eine eige­ne Schrif­ten­rei­he, die in einem bekann­ten Göt­tin­ger Ver­lag erschien. Bei dem Kos­ten­vor­anschlag des Ver­la­ges erga­ben sich für mich Publi­ka­ti­ons­kos­ten in Höhe von 7.377,41 €:

Verlagskalkulation für eine Dissertation in einem Wissenschaftsverlag (Namen und Marke geschwärzt)
Ver­lags­kal­ku­la­ti­on für eine Dis­ser­ta­ti­on in einem Wis­sen­schafts­ver­lag (Namen und Mar­ke geschwärzt)

Bei einer Ver­öf­fent­li­chung in die­ser Rei­he zahl­te das Kol­leg einen Zuschuss in Höhe von 2.500 €. Die rest­li­chen 4.877,41 € müss­te ich ent­we­der mit Hil­fe von Sti­pen­di­en ein­wer­ben oder aus eige­ner Tasche bezah­len. Für die­ses Geld wur­de eine star­ke Mar­ke gebo­ten, ein bekann­ter Namen für den Lebens­lauf. Damit erschien es zumin­dest wahr­schein­lich, dass mein Buch in der Ger­ma­nis­tik wahr­ge­nom­men wür­de und sei­nen Weg in die Rega­le fän­de. Ein Lek­to­rat wäre nicht ent­hal­ten, aller­dings stand der Ver­lag in dem Ruf, zumin­dest ein gutes Kor­rek­to­rat zu bie­ten. Trotz der hohen Kos­ten erschien ein frei­er Zugang im Netz nicht mög­lich. Das Gra­du­ier­ten­kol­leg erkun­dig­te sich und ich erhielt die fol­gen­de Aus­kunft:

Dei­ne Publi­ka­ti­on kann 3 Jah­re nach Erschei­nen in Open Access gestellt wer­den; der Ver­lag stellt dafür das PDF der Druck­fas­sung zur Ver­fü­gung. Wenn der Buch­ver­kauf dann gegen null ten­diert, behält sich der Ver­lag das Recht zur Maku­la­tur vor.” (Email vom 11.09.2012)

Drei Jah­re War­te­zeit für das Recht, die Dis­ser­ta­ti­on ins Inter­net zu stel­len, die Ankün­di­gung von Maku­la­tur, Kos­ten in Höhe von 4877,41 € (inkl. 2.500 € für das Kol­leg) – unter die­sen Bedin­gun­gen erschien mir eine Publi­ka­ti­on in der Schrif­ten­rei­he des Kol­legs lei­der nicht trag­bar. Nach den vie­len Umzü­gen wünsch­te ich mir vor allem einen fes­ten Job in Ber­lin. Allein für die Bewer­bun­gen wäre eine zeit­na­he Ver­öf­fent­li­chung sehr prak­tisch. Vor allem aber hat­te ich meh­re­re Jah­re in die­ses Buch inves­tiert und wünsch­te mir, dass die Ergeb­nis­se etwas zu der Dis­kus­si­on bei­tra­gen konn­ten. Ich frag­te bei einem ande­ren Ver­lag an und erhielt einen zwei­ten Kos­ten­vor­anschlag:Zweite Verlagskalkulation (Namen und Marke geschwärzt)

Ver­lags­kal­ku­la­ti­on 2 (Namen und Mar­ke geschwärzt). Kom­plet­tes Ange­bot als PDF-Datei  (168 KB)

Die Druck­kos­ten wur­den in Höhe von 3.016,65 € (brut­to) ver­an­schlagt, bei einem Ver­kaufs­preis von 44,90 €. Ob eine Biblio­thek das Buch zu einem sol­chen Preis anschaf­fen wür­de? Eine Bereit­stel­lung im Open Access soll­te hier zusätz­lich 5.000€ kos­ten, ins­ge­samt wären Kos­ten in Höhe von 7.535 € ange­fal­len:

5.000 € für eine Bereitstellung als Open Access - das müssen teure Server sein
“Pau­scha­le” von 5.000 € für eine Bereit­stel­lung im Open Access

Das zieht sich gegenseitig hoch“: Druckkostenzuschuss, Verlagsname und Stipendien

Nach die­sen Kos­ten­vor­anschlä­gen wur­de ich unsi­cher, ob ich noch in die­sem Jahr mei­ne Dis­ser­ta­ti­on ver­öf­fent­li­chen könn­te. Die Druck­kos­ten lagen in Höhe von 2.535 € — 7.500 €. Open Access zeit­gleich zur Ver­öf­fent­li­chung wur­de in einem Fall über­haupt nicht unter­stützt, bei dem güns­ti­ge­ren Ver­lag wäre die Bereit­stel­lung im Inter­net mit Zusatz­kos­ten ver­bun­den.  Das Pro­blem: Als Berufs­an­fän­ger erschie­nen mir die­se Sum­men uto­pisch; den Druck­kos­ten­zu­schuss über Sti­pen­di­en ein­zu­wer­ben, erschien mir zu unsi­cher und zu zeit­auf­wän­dig. Ein wei­te­res Jahr woll­te ich mit der Ver­öf­fent­li­chung nicht war­ten.

Wäre mein Ziel noch immer eine Kar­rie­re als Wis­sen­schaft­ler gewe­sen, hät­te ich ernst­haft dar­über nach­ge­dacht, den Betrag für die Rei­he des Gra­du­ier­ten­kol­legs irgend­wie auf­zu­trei­ben. Solan­ge Ver­lags­na­men für Beru­fun­gen noch eine Rol­le spie­len, gehen Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler auf Num­mer sicher. Für Beset­zungs­ver­fah­ren von Pro­fes­su­ren spielt es in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten noch immer eine Rol­le, unter wel­cher Mar­ke man ver­öf­fent­licht hat, eben­so bei Sti­pen­di­en. Bei mei­nem Har­vard-Auf­ent­halt gab es eine ähn­li­che Dyna­mik. Freun­de gaben mir damals den guten Rat, „das zieht sich gegen­sei­tig hoch“. So kam es dann auch: Sobald eine Zusa­ge von einer pres­ti­ge­träch­ti­gen Uni­ver­si­tät vor­lag, ging es mit der Bewil­li­gung für Rei­sesti­pen­di­en wie von selbst. Die­ses Prin­zip ist als Mat­thä­us-Effekt bekannt, dem­nach wer­den Erfol­ge mehr durch frü­he­re Errun­gen­schaf­ten als durch gegen­wär­ti­ge Leis­tun­gen beein­flusst. Wenn Leis­tun­gen erst durch das rich­ti­ge Eti­kett beglau­bigt wer­den, kann sich die Inves­ti­ti­on in eine Ver­lags­mar­ke durch­aus loh­nen. Doch möch­te man sich für die­se Annah­me wirk­lich ver­schul­den?

Exkurs: Wissenschaft als teurer Club

Ich wer­de den Ver­dacht nicht los, dass sich die hohen Prei­se bei wis­sen­schaft­li­chen Publi­ka­tio­nen auch mit der Kauf­kraft von Aka­de­mi­ker­fa­mi­li­en erklä­ren (wen das nicht so inter­es­siert, kann hier wei­ter­le­sen). Aka­de­mi­scher Erfolg hängt in Deutsch­land stark von der sozia­len Her­kunft ab. Laut der 20. Sozi­al­er­he­bung des Deut­schen Stu­den­ten­werks von 2012 zeigt sich die­ser Zusam­men­hang bereits im Erst­stu­di­um:

quelle: 20. Sozialerhebung des deutschen Studentenwerkes
Quel­le: 20. Sozi­al­er­he­bung des deut­schen Stu­den­ten­wer­kes, S. 77 (PDF-Datei)

Die­se Ent­wick­lung hat sich im letz­ten Jahr­zehnt ver­stärkt. Im inter­na­tio­na­len Ver­gleich gibt es in Deutsch­land nur weni­ge fes­te Stel­len im soge­nann­ten Mit­tel­bau jen­seits der Pro­fes­sur:

Quelle: Robert Kreckel, "Zur Kooperation verpflichtet", in: Forschung und Lehre, Heft 5 (2009), Seite 33. Zit. nach: Michael Blume: Das Templiner Manifest für den akademischen Mittelbau. Scilogs.de vom 9.3.2011
Quel­le: Robert Kre­ckel, “Zur Koope­ra­ti­on ver­pflich­tet”, in: For­schung und Leh­re, Heft 5 (2009), Sei­te 33. Zit. nach: Micha­el Blu­me: Das Tem­pli­ner Mani­fest für den aka­de­mi­schen Mit­tel­bau. Scilogs.de vom 9.3.2011 (Link)

In den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten wird seit lan­gem beklagt, dass der aka­de­mi­sche Mit­tel­bau seit Jah­ren aus­trock­net. Einer wach­sen­den Zahl von Dok­to­ran­den ste­hen immer weni­ger fes­te Stel­len gegen­über. Im “aka­de­mi­schen Nied­rig­lohn­sek­tor” (FAZ) hält sich mit befris­te­ten Pro­jekt­stel­len über Was­ser, bis die Befris­tungs­re­ge­lung eine wei­te­re Anstel­lung ver­hin­dert. Unter die­sen Bedin­gun­gen wird jede Mög­lich­keit inter­es­sant, mit bekann­ten Mar­ken in der Publi­ka­ti­ons­lis­te zu glän­zen. Die gro­ßen För­der­wer­ke sind immer weni­ger bereit, die hohen Druck­kos­ten­zu­schüs­se der Ver­la­ge zu zah­len. So mahnt z.B. die FAZIT-Stif­tung, man zah­le grund­sätz­lich nicht für “Luxus­aus­ga­ben teu­rer Ver­la­ge” (PDF-Link) .  Damit blei­ben die Kos­ten wie­der an den Wis­sen­schaft­lern hän­gen. Solan­ge der Zugang zu den weni­gen unbe­fris­te­ten Stel­len über Ver­lags­mar­ken gefil­tert wird, gibt es greif­ba­re Vor­tei­le für Bewer­ber mit fami­liä­ren Reser­ven. Wer springt ein, wenn das Sti­pen­di­um nicht aus­reicht? Ob es sich lohnt, sich für eine Ver­öf­fent­li­chung zu ver­schul­den?

Dissertation veröffentlichen, Plan B: Open Access und Print-on-Demand

Wer eine Dis­ser­ta­ti­on ver­öf­fent­li­chen möch­te, braucht ent­we­der genug Geld oder aus­rei­chend Zeit. Auch mit einem mög­li­chen Druck­kos­ten­zu­schuss-Sti­pen­di­um stand ich vor einer erheb­li­chen Finan­zie­rungs­lü­cke. Die bekann­ten Wis­sen­schafts­ver­la­ge kamen also nicht in Fra­ge. Durch mei­nen Kon­takt mit der Ber­li­ner Start­up-Sze­ne lern­te ich eine wei­te­re Mög­lich­keit ken­nen: Die Arbeit ließ sich auch ohne Druck­kos­ten publi­zie­ren. Aus einer Anfra­ge bei der Ber­li­ner Self-Publi­shing-Platt­form epu­bli ergab sich schnell ein Job­an­ge­bot, seit Janu­ar 2013 ent­wi­cke­le ich dort den Bereich Wis­sen­schaft. Eine Ver­öf­fent­li­chung im „Selbst­ver­lag“ erschien mir nun auch beruf­lich inter­es­sant: Statt den teu­ren Gla­mour eines Wis­sen­schafts­ver­lags ein­zu­kau­fen, könn­te ich selb­stän­dig mei­ne Dis­ser­ta­ti­on ver­öf­fent­li­chen und auf die­se Wei­se Publi­ka­ti­ons­er­fah­run­gen sam­meln. Im Self-Publi­shing kos­tet die Ver­öf­fent­li­chung ledig­lich eine Ver­triebs­ge­bühr von 14,95 €, die Bücher wur­den erst bei einer Bestel­lung gedruckt und die Pro­duk­ti­ons­kos­ten über den Ver­kaufs­preis finan­ziert.

Schnell merk­te ich, dass eine Ver­öf­fent­li­chung im Selbst­ver­lag mit eini­gem Auf­wand ver­bun­den ist wenn man die kom­plet­te Vor­be­rei­tung selbst über­nimmt. Mei­ne Expe­ri­men­te bei der Umschlag­ge­stal­tung führ­ten schnell zu der Ent­schei­dung, zumin­dest die­sen Schritt an einen Pro­fi abzu­ge­ben. Freund­li­cher­wei­se über­nahm der Gra­fi­ker Mar­cel Fens­ke-Pogrze­ba die Gestal­tung, nach eini­gen Ent­wür­fen ent­stand ein anspre­chen­des Cover. Das Lay­out für den Inhalt gestal­te­te ich mit Micro­soft Word, dazu gab es gute Tips von dem Typo­gra­fen Vik­tor Nübel. Die schö­nen Lay­out-Vor­la­gen des KIT habe ich lei­der zu spät ent­deckt, bei einer erneu­ten Ver­öf­fent­li­chung wür­de ich die­se Vor­la­gen nut­zen.

Bei der Open-Access-Ver­öf­fent­li­chung ent­schied ich mich für eine Crea­ti­ve-Com­mons-Lizenz mit einem nicht­kom­mer­zi­el­len Lizenz­mo­dul (CC-BY-NC-SA). Dies stell­te sich spä­ter als ungüns­tig her­aus, Datei­en mit einer NC-Lizenz kön­nen lei­der auf den meis­ten Sei­ten nicht ange­bo­ten wer­den. Für eine Ände­rung auf dem Dis­ser­ta­ti­ons­ser­ver war es zu spät, auf mei­ner eige­nen Sei­te habe ich die Dis­ser­ta­ti­on daher mit einer Lizenz ein­ge­stellt, mit der man die Datei bes­ser tei­len kann (CC-BY-SA). Dazu genüg­te es, den Lizenz­hin­weis im Impres­sum fol­gen­der­ma­ßen zu ändern:

Impressum_CC-BY

Sinnvolle Investition: Korrektorat

Ein ers­ter Pro­be­druck der Dis­ser­ta­ti­on sah ange­nehm hoch­wer­tig aus, übrig blieb noch das Kor­rek­to­rat. Mit dem Berufs­ein­stieg in der Ber­li­ner Start­up-Welt war ich bereits aus­rei­chend beschäf­tigt, also hol­te ich ein Ange­bot für ein exter­nes Kor­rek­to­rat ein:

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Ein pro­fes­sio­nel­les Kor­rek­to­rat lohnt sich, pas­sen­de Ange­bo­te fin­det man bei den Buch­pro­fis.

Die Kos­ten für Kor­rek­to­rat und Dis­ser­ta­ti­on ver­öf­fent­li­chen wur­den mit 1.325,66 € geschätzt – deut­lich weni­ger als bei den bei­den Wis­sen­schafts­ver­la­gen, der Betrag war für mich aller­dings noch immer zu hoch. In den fol­gen­den Wochen kor­ri­gier­te ich die Druck­fas­sung mei­ner Arbeit daher sel­ber. Zwar war ich in den ers­ten Mona­ten als Quer­ein­stei­ger sehr beschäf­tigt mit den ers­ten Pro­jek­ten, aber es gab ja noch etwas Zeit nach Fei­er­abend und am Wochen­en­de. Unbe­dingt woll­te ich inner­halb des nächs­ten Monats mei­ne Dis­ser­ta­ti­on ver­öf­fent­li­chen, die Zeit nach Fei­er­abend wur­de ein­fach zu knapp.

Von die­sem 100%-Do-it-yourself-Verfahren zum Dis­ser­ta­ti­on ver­öf­fent­li­chen kann ich nur abra­ten: Das Kor­rek­to­rat von län­ge­ren Tex­ten ist ein emp­find­li­cher Punkt bei wis­sen­schaft­li­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen, beson­ders in einer geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Fakul­tät. Bei der eige­nen Dis­ser­ta­ti­on sieht man die Sät­ze oft noch so vor Augen, wie man sie for­mu­liert hat­te, vor allem nach einem lan­gen Arbeits­tag. Nach 23 Uhr soll­te man gene­rell kei­ne Kor­rek­tu­ren mehr vor­neh­men, mit zuneh­men­der Müdig­keit nimmt die Genau­ig­keit ab. Emp­feh­len kann ich zudem die Anschaf­fung einer exter­nen Tas­ta­tur, bei der sämt­li­che Tas­ten ein­wand­frei funk­tio­nie­ren. Zwi­schen­durch streik­te mei­ne Lap­top-Fest­plat­te, zum Glück konn­te ich das Pro­blem selbst behe­ben:

(Das Werkzeug dient nur zum Größenvergleich)
Wich­tig: Die Dis­ser­ta­ti­on regel­mä­ßig sichern, z.b. auf einer exter­nen Fest­plat­te oder bei Cloud-Diens­ten wie Spi­de­rO­ak (und kei­nes­falls eine Zan­ge ver­wen­den).

Nach weni­gen Wochen war das Manu­skript fer­tig, nun konn­te ich end­lich die Dis­ser­ta­ti­on ver­öf­fent­li­chen. Eini­ge Feh­ler waren mir in der Eile zwar ent­gan­gen, dank der kur­zen Kün­di­gungs­frist (5 Tage) ließ sich das Buch bei Bedarf jeder­zeit neu publi­zie­ren. Wegen der wach­sen­den Anfor­de­run­gen im Job wur­de es für mich höchs­te Zeit, dass die­ses Buch­pro­jekt end­lich vom Schreib­tisch ver­schwand und ich die Dis­ser­ta­ti­on ver­öf­fent­li­chen konn­te.

Nun ging alles sehr schnell: Ich stell­te das Buch auf der Self­pu­bli­shing-Platt­form ein, bestell­te die gefor­der­ten Print-Exem­pla­re für das Prü­fungs­amt und konn­te die Dis­ser­ta­ti­on auf dem Ser­ver der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek Göt­tin­gen zugäng­lich machen. Ich bestell­te ledig­lich zwei Auto­ren­ex­em­pla­re; eines für mich und eines für mei­ne Eltern. Die­se Anzahl war tat­säch­lich mehr als aus­rei­chend, Auto­ren­ex­em­pla­re lie­ßen sich jeder­zeit nach­dru­cken. Inner­halb weni­ger Minu­ten erschien das Buch im Online-Shop, am nächs­ten Tag war es auch bei Ama­zon und im Buch­han­del bestell­bar.

Rezensionen und Online-Sichtbarkeit

Mit der Ver­öf­fent­li­chung konn­te ich nun den Dok­tor­ti­tel ver­wen­den, viel wich­ti­ger erschien mir aber, dass die Arbeit im Fach sicht­bar wur­de. Auto­ren, die ihre Dis­ser­ta­tio­nen in einem Ver­lag ver­öf­fent­li­chen, kön­nen zumin­dest eine Erwäh­nung in der Ver­lags­vor­schau erwar­ten. Da mei­ne Arbeit im Inter­net und auf einer Self-Publi­shing-Platt­form erschien, konn­te ich mich selbst an die Ver­tre­ter der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek, an Fach­zeit­schrif­ten und ande­re Rezen­si­ons­or­ga­ne wen­den. Dazu inves­tier­te ich noch einen wei­te­ren Sams­tag­vor­mit­tag. Um kei­ne Rezen­si­ons­ex­em­pla­re umsonst zu ver­schi­cken, wand­te ich mich zuerst an die Fach­re­fe­ren­ten. Erst bei einer posi­ti­ven Rück­mel­dung schick­te ich dann ein Exem­plar mei­ner Dis­ser­ta­ti­on an die Zeit­schrift.

Ins­ge­samt ver­sand­te ich vier Exem­pla­re. Dar­aus ergab sich bereits eine ers­te Rezen­si­on. In dem ger­ma­nis­ti­schen Rezen­si­ons­por­tal „IASL Online“ erschien fast zwei Jah­re spä­ter eine aus­führ­li­che Bespre­chung über 22 Absät­ze. Das Ver­dikt einer „bei­na­he unzu­mut­ba­ren Dich­te an Recht­schreib- und Tipp­feh­lern sowie zahl­rei­che for­ma­le Unstim­mig­kei­ten“ erscheint mir ange­sichts der Ent­ste­hungs­be­din­gun­gen zwar über­ra­schend hart for­mu­liert, dem­ge­gen­über wird mei­ne Metho­de aber als brauch­ba­re Heu­tis­tik her­vor­ge­ho­ben. Ich habe den Autor bereits kon­tak­tiert und ange­bo­ten, mit sei­nen Kor­rek­tu­ren eine neue Ver­si­on zu ver­öf­fent­li­chen — im Print-on-Demand ist dies zum Glück inner­halb weni­ger Minu­ten mög­lich.

Abge­se­hen von die­sem ungüns­ti­gen Absatz freue ich mich über die posi­ti­ve Bespre­chung. Mit der Rezen­si­on in einer Fach­zeit­schrift wird es für ande­re For­scher ein­fa­cher, die Arbeit zu fin­den. Für alle Fäl­le habe ich noch einen kur­zen Wiki­pe­dia-Arti­kel zu mei­nem The­ma ange­legt und das PDF der Arbeit auf mei­ner Web­sei­te zur Ver­fü­gung gestellt.

Gewinne: VG-Wort und Verkäufe

Eine wei­te­re ange­neh­me Über­ra­schung gab es von der VG Wort. Ver­öf­fent­licht man sei­ne Dis­ser­ta­ti­on in einem Ver­lag, ist die Ver­brei­tung in wis­sen­schaft­li­chen Biblio­the­ken in der Regel gesi­chert. Um die vol­le Aus­schüt­tung der VG Wort zu erhal­ten, soll­te die Arbeit in min­des­tens fünf Biblio­the­ken in zwei unter­schied­li­chen Biblio­theks­ver­bän­den ver­füg­bar sein. Hier­bei zäh­len nur Bestel­lun­gen der Biblio­the­ken, Geschenk­ex­em­pla­re wer­den von der VG Wort nicht berück­sich­tigt. Ich kon­tak­tier­te eini­ge Fach­re­fe­ren­ten per Email und mach­te sie auf mei­ne Dis­ser­ta­ti­on auf­merk­sam. Gleich­zei­tig hat­ten Freun­de über Face­book von mei­ner Ver­öf­fent­li­chung gehört und bestell­ten die Dis­ser­ta­ti­on in ihrer Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek.

Dank der guten Ver­brei­tung fand sich die Dis­ser­ta­ti­on in genü­gend Ein­rich­tun­gen, um die vol­le Aus­schüt­tung zu gewähr­leis­ten. Von der VG Wort erhielt ich eine Aus­zah­lung in Höhe von 880,19 € und erziel­te bis­her knapp zwan­zig Ver­käu­fe mei­ner Dis­ser­ta­ti­on.

Mit die­ser Ver­öf­fent­li­chung habe ich bis­her ins­ge­samt weni­ger als 900 € ver­dient. Ange­sichts der lan­gen Schreib­pha­se ist das zwar eine mini­ma­le Ver­gü­tung, im Ver­gleich mit den ande­ren Ange­bo­ten ist die klei­ne Aner­ken­nung aber sehr will­kom­men. Vor allem freue ich mich, dass die Ergeb­nis­se der Dis­ser­ta­ti­on nun im Open Access für alle ver­füg­bar sind und das die Arbeit auch gele­sen wird.

Checkliste: Was ist beim Dissertation veröffentlichen zu beachten?

    • Fra­gen vor­ab
      • Wie wich­tig ist mir die Repu­ta­ti­on eines Ver­la­ges?
      • Soll die Arbeit zusätz­lich im Open Access erschei­nen?
      • Wel­che Crea­ti­ve-Com­mons-Lizenz kommt für mich in Fra­ge?
      • Wel­che finan­zi­el­len Mit­tel kann/möchte ich ein­set­zen?
      • Wel­che Dienst­leis­tun­gen möch­te ich ein­kau­fen?
    • Ver­öf­fent­li­chung in einem Ver­lag
      • Wie schät­zen Kol­le­gen die Repu­ta­ti­on des Ver­la­ges ein?
      • Wel­che Sti­pen­di­en für einen Druck­kos­ten­zu­schuss kom­men in Fra­ge? Mit wel­chen Bewer­bungs­fris­ten muss ich hier rech­nen?
      • Wel­che Ver­wer­tungs­rech­te gebe ich ab (exklu­si­ves vs. nicht­ex­klu­si­ves Ver­wer­tungs­recht)?
      • Ist eine Zweit­ver­wer­tung im Inter­net mög­lich?
      • Erscheint das Buch in der Goog­le-Buch­su­che?
      • Wel­che Leis­tun­gen über­nimmt der Ver­lag?
        • Kor­rek­to­rat (ggf. Lek­to­rat)?
        • Druck und Lage­rung (ggf. begrenzt)?
        • Ver­trieb?
        • Mar­ke­ting?
        • PR?
    • Self-Publi­shing
      • Wie lan­ge ist die Kün­di­gungs­frist des Anbie­ters?
      • Wie gut ist die Druck­qua­li­tät? (ggf. Kon­takt auf­neh­men und einen Pro­be­druck anfor­dern)
      • Ist eine par­al­le­le Open-Access-Ver­öf­fent­li­chung mög­lich?
      • Über wel­che Ver­triebs­ka­nä­le ist die Arbeit ver­füg­bar?
      • Wo fin­de ich Unter­stüt­zung für die fol­gen­den Dienst­leis­tun­gen:
        • Kor­rek­to­rat (ggf. Lek­to­rat)
        • Cover­ge­stal­tung (ca. 50–200 €)
        • Lay­out (ca. 150–500 €)
        • Web­sei­te zum Buch (nach Bedarf)
    • Biblio­theks­be­stel­lun­gen und Rezen­sio­nen
      • Wel­che Zeit­schrif­ten gibt es in mei­nem Fach?
      • Möch­te ich Fach­re­fe­ren­ten in Biblio­the­ken direkt anschrei­ben?
      • Wel­che bestehen­den Kon­tak­te kann ich auf die Arbeit hin­wei­sen?
      • Wie­viel Rezen­si­ons­ex­em­pla­re wer­den benö­tigt?

Ob Wis­sen­schafts­ver­lag oder Self-Publi­shing, wer sei­ne Dis­ser­ta­ti­on ver­öf­fent­li­chen möch­te, inves­tiert ent­we­der Geld oder Zeit, um die Ver­öf­fent­li­chung selbst zu gestal­ten. Die meis­ten Arbeits­schrit­te las­sen sich zum Glück aus­la­gern. In jedem Fall lohnt es sich, beim Kor­rek­to­rat nicht zu spa­ren, Zeit­schrif­ten direkt anzu­schrei­ben und eine Crea­ti­ve Com­mons-Lizenz zu wäh­len, mit der eine freie Nach­nut­zung mög­lich ist. Viel Erfolg!

 

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1 Gedanke zu “Dissertation veröffentlichen ohne Kosten? Ein Erfahrungsbericht

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