Creative Commons-Geschäftsmodelle für Künstler

Creative Commons-Geschäftsmodelle für Künstler

Bild: Alex Neu­schä­fer, Inclu­ding Ever­y­thing (Lizenz: CC-BY-NC)

Es ist nicht ein­fach, als Künst­le­rin oder als Künst­ler zu leben. Die meis­ten Schrift­stel­ler hal­ten sich mit Kolum­nen, Brot­jobs und gele­gent­li­chen Sti­pen­di­en über Was­ser; jun­gen Malern und Musi­kern geht es nicht bes­ser. Crea­ti­ve Com­mons Lizen­zen wer­den daher von Krea­ti­ven noch immer skep­tisch bewer­tet. Die Zeit für Krea­ti­vi­tät ist begrenzt, war­um soll­te man sei­ne Inhal­te gra­tis abge­ben? Vier Model­le aus der Digi­tal­wirt­schaft zei­gen, war­um sich Gra­tis-Ange­bo­te und freie Lizen­zen loh­nen, um dau­er­haft eine Exis­tenz als Künst­le­rIn zu sichern.

Als KünstlerIn leben mit 1000 echten Fans

Der größ­te Vor­teil von offe­nen Ange­bo­ten im Netz ist die grö­ße­re Reich­wei­te. Die­se Sicht­bar­keit ist beson­ders für unbe­kann­te Künst­le­rin­nen und Künst­ler enorm wich­tig: Ein gro­ßes Publi­kum sichert die krea­ti­ve Unab­hän­gig­keit und ermög­licht lang­fris­tig einen Lebens­un­ter­halt jen­seits von Ver­la­gen, Gale­ris­ten, Labels und Ver­wer­tern. Der Inter­net­pio­nier und Wired-Her­aus­ge­ber Kevin Kel­ly hat die­se Ent­wick­lung rich­tig vor­her­ge­sagt: Mit 1000 ech­ten Fans kön­nen Künst­ler ver­läss­lich ihren Lebens­un­ter­halt bestrei­ten. Wie Kel­ly anmerkt, ist die­se Zahl höher oder nied­ri­ger anzu­set­zen, je nach­dem, wie­vie­le “Zwi­schen­händ­ler” und wei­te­re Ver­wer­ter zu berück­sich­ti­gen sind. So sind im Self-Publi­shing weni­ger Unter­stüt­zer not­wen­dig als bei Ver­la­gen, da die Mar­gen für den Autor im Selbst­ver­lag höher aus­fal­len.

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Bild: Aera­nis, CC-BY

A crea­tor, such as an artist, musi­ci­an, pho­to­gra­pher, craft­s­per­son, per­for­mer, ani­ma­tor, desi­gner, video­ma­ker, or aut­hor — in other wor­ds, anyo­ne pro­du­cing works of art — needs to acqui­re only 1,000 True Fans to make a living..”

Kevin Kel­ly, kk.org

Ech­te Fans” zu gewin­nen, bedeu­tet mehr als die Zahl der eige­nen Twit­ter-Fol­lo­wer zu erhö­hen: Statt um blo­ße Sym­pa­thie­be­kun­dun­gen geht es um ein über­zeug­tes Publi­kum, das jedes neue Werk nach Mög­lich­keit kauft, selb­stän­dig Wer­bung macht, zu Kon­zer­ten fährt oder regel­mä­ßig an des­sen Aus­stel­lun­gen teil­nimmt.

Publikum aufbauen mit Creative Commons Lizenzen

Der Köl­ner Musi­ker Mar­co Tro­va­tel­lo ist noch recht unbe­kannt (dan­ke an Frank Chris­ti­an Stof­fel für die­sen Hin­weis). Das ändert sich lang­sam: Tro­va­tel­los Musik wur­de im Rah­men der Space Night auf BR Alpha gezeigt. Dank der offe­nen CC-Lizenz konn­te ein Fan mit sei­nem Song “Be Sweet” sogar ein eige­nes Musik­vi­deo pro­du­zie­ren: http://vimeo.com/75039775 Um ein gro­ßes Publi­kum auf­zu­bau­en, ist es äußerst hilf­reich, wenn das “Pro­dukt” min­des­tens in Aus­zü­gen für alle Inter­es­sen­ten leicht zugäng­lich ist. War­um dies so wich­tig ist, ver­an­schau­licht der Mar­ke­ting-Begriff des“Zero Moment of Truth”. Kun­den bil­den sich ihre Mei­nung über eine Mar­ke in kon­kre­ten Situa­tio­nen, in dem sie sich mit einem Pro­dukt beschäf­ti­gen. Die­ser “Augen­blick der Wahr­heit” (Moment of Truth) wird durch das Netz nach vor­ne ver­la­gert, er wird zum “zero moment of truth”. Bevor man ein Restau­rant oder einen Fri­seur­sa­lon betritt, hat man sich bereits drei Inter­net­be­wer­tun­gen ange­se­hen. Vor dem Kon­zert­be­such steht die You­tube-Suche, vor dem Mee­ting die Inter­net­re­cher­che. Mit groß­zü­gi­gen Gra­tis-Ange­bo­ten im Netz und offe­nen Lizen­zen ist es für den Nut­zer mög­lich,

  • das Werk schnell ein­zu­schät­zen
  • das Werk wei­ter­zu­emp­feh­len und es mit Freun­den zu tei­len
  • mit dem / der Künst­le­rIn in Kon­takt zu blei­ben
  • sich aktiv mit dem Werk aus­ein­an­der­zu­set­zen
  • auf das Werk mit eige­nen Bear­bei­tun­gen auf­zu­bau­en und die­se zu tei­len (dank CC-Lizenz mit Namens­nen­nung)
Fred Wilson (Investor)
Fred Wil­son (Inves­tor). Bild: Wiki­pe­dia, Lizenz: CC-BY

Give your ser­vice away for free, pos­si­b­ly ad sup­por­ted but may­be not, acqui­re a lot of custo­mers very effi­ci­ent­ly through word of mouth, refer­ral net­works, orga­nic search mar­ke­ting, etc., then offer pre­mi­um pri­ced value added ser­vices or an enhan­ced ver­si­on of your ser­vice to your custo­mer base.”

Fred Wil­son (Inves­tor), My Favo­ri­te Busi­ness Model 

Eine CC-Lizenz für aus­ge­wähl­te Wer­ke ist dann beson­ders sinn­voll, wenn sie in ein Geschäfts­mo­dell ein­ge­bun­den ist, das die eige­nen Zie­le dau­er­haft absi­chert. In sei­nem Buch “Free-kos­ten­los” stellt Chris Ander­son vier Model­le vor, wie sich mit Gra­tis-Ange­bo­ten Reich­wei­te gewin­nen lässt:

Kostenlos 1: Direkte Quersubventionen (Anbieter — Nutzer)

Kostenlos 1
Gra­fik nach Chris Ander­son: Free – Kos­ten­los. Lizenz: CC-BY

Der Anbie­ter stellt ein Pro­dukt kos­ten­los zur Ver­fü­gung, damit der Nut­zer spä­ter ein ande­res (kos­ten­pflich­ti­ges) Pro­dukt kauft.Dieses Modell ist in der Wirt­schaft weit ver­brei­tet. Von der kos­ten­lo­sen Par­füm­pro­be zu der CD-Bei­la­ge in der Com­pu­ter­zeit­schrift bis zu der Pro­bier­the­ke beim Bäcker: Eine klei­ne­re Men­ge kos­ten­lo­ser Pro­duk­te soll die Nach­fra­ge nach einer grö­ße­ren Men­ge kos­ten­pflich­ti­ger Ange­bo­te ankur­beln.

Ide­en für Künst­ler und Auto­ren:

  • Aus­ge­wähl­te Stü­cke auf Sound­cloud, Vimeo, You­tube etc.
  • Ein­zel­ne Kurz­ge­schich­ten zum Down­load
  • Gra­tis-Ansichts­kar­ten mit eige­nen Bil­dern
  • Kos­ten­lo­se Noten­hef­te, kos­ten­pflich­ti­ger Musik­un­ter­richt

Kostenlos 2: Drei-Parteien-Markt (Anbieter — Nutzer — Vermarkter)

Kostenlos 2
Gra­fik nach Chris Ander­son: Free – Kos­ten­los. Lizenz: CC-BY

Der Anbie­ter stellt ein Pro­dukt kos­ten­los zur Ver­fü­gung, wird dafür aber von einer drit­ten Par­tei finan­ziert. Der Ver­mark­ter (M) erhält dafür Wer­be­flä­che oder eine gute PR (Pro­dukt 2), alles in der Absicht, dem Nut­zer ande­re Pro­duk­te zu ver­kau­fen. Das klingt etwas abs­trakt, ist in der Digi­tal­wirt­schaft aber all­täg­lich. Die Pro­duk­te von Goog­le und Face­book sind für alle Nut­zer kos­ten­los, da die Platt­for­men von Wer­bung finan­ziert wer­den. Auch in der Bil­den­den Kunst haben Spon­so­ring-Model­le wie das Mäze­na­ten­tum eine lan­ge Tra­di­ti­on. Bei kos­ten­lo­sen Lesun­gen in Cafés, Kon­zer­ten in Kir­chen oder Aus­stel­lun­gen in Knei­pen kann man das Modell eben­falls beob­ach­ten: Im Aus­tausch gegen die kos­ten­lo­se Raum­nut­zung wird eine gewis­se Wer­be­wir­kung erwar­tet, umge­kehrt steigt die Aus­sicht auf Spon­so­ren mit der eige­nen Bekannt­heit.

Ide­en für Künst­ler und Auto­ren:

  • Events (Lesun­gen etc) zusam­men mit Spon­so­ren
  • Koope­ra­ti­on mit ande­ren Künst­lern (z.B. Lesung/Ausstellung mit Gast­mu­si­kern)
  • Finan­zie­rung von Kata­lo­gen, Noten­hef­ten und Buch­pro­jek­ten durch pas­sen­de Spon­so­ren
  • Gast­bei­trä­ge auf dem eige­nen Blog

Kostenlos 3: Freemium

Kostenlos 3
Gra­fik nach Chris Ander­son: Free – Kos­ten­los. Lizenz: CC-BY

Der Anbie­ter stellt ein Pro­dukt kos­ten­los zur Ver­fü­gung, ein ähn­li­ches Pro­dukt mit bes­se­ren Eigen­schaf­ten ist kos­ten­pflich­tig. 95% der Nut­zer von Inter­net-Diens­ten wie Drop­box ver­wen­den ledig­lich die Gra­tis-Ver­si­on. 5% zah­len­de Nut­zer rei­chen aus, um das gesam­te Ange­bot zu finan­zie­ren. Das Radiohead-Album “In Rain­bows” wur­de mit dem “Pay as much as you want”-Modell ab 0€ ange­bo­ten, eine kos­ten­pflich­ti­ge Delu­xe-Ver­si­on ab 50€.. Im Unter­schied zu dem Sub­ven­ti­ons-Modell wer­den Pro­duk­te nach dem Fre­e­mi­um-Prin­zip mehr­heit­lich kos­ten­los abge­ge­ben.

Ide­en für Künst­ler und Auto­ren:

  • kom­plet­te Alben auf Sound­cloud, Vimeo, You­tube etc., Kon­zer­te mit Ein­tritt
  • Noten zum Down­load, kos­ten­pflich­ti­ges Noten­buch
  • Arti­kel im Netz, kos­ten­pflich­ti­ge Bücher und Vor­trä­ge auf Tagun­gen

Kostenlos 4: Nichtmonetäre Märkte

Kostenlos 4
Gra­fik nach Chris Ander­son: Free – Kos­ten­los. Lizenz: CC-BY

Der Anbie­ter stellt ein Pro­duk­te kos­ten­los zur Ver­fü­gung, ohne eine Ver­gü­tung zu erwar­ten. Mit der Digi­ta­li­sie­rung sind zahl­rei­che Platt­for­men ent­stan­den, deren Nut­zer sich nicht vor­ran­gig an finan­zi­el­len Inter­es­sen ori­en­tie­ren. Allein die deutsch­spra­chi­ge Wiki­pe­dia hat aktu­ell 20960 akti­ve Nut­zer und 1,6 Mil­lio­nen Ein­trä­ge. Wiki­pe­dia-Auto­ren pro­fi­tie­ren indi­rekt, von der Freu­de am Schrei­ben, neu­en Anre­gun­gen, Kon­tak­ten in der Com­mu­ni­ty und der lang­fris­ti­gen Moti­va­ti­on, an einem sinn­vol­len Pro­jekt mit­zu­wir­ken. Der Ein­satz für Non-Pro­fit-Pro­jek­te kann sich eben­falls güns­tig auf die eige­ne Reich­wei­te aus­wir­ken: Von der Com­mu­ni­ty wird gele­gent­lich auch ein Hin­weis auf das eige­ne Buch­pro­jekt gedul­det, sofern der Bei­trag das freie Wis­sen erwei­tert. Dies ist beson­ders dann mög­lich, wenn es zu dem The­ma noch kei­nen eige­nen Arti­kel gibt. In jedem Fall lohnt es sich aber, mit der eige­nen Rol­le trans­pa­rent umzu­ge­hen und das Pro­fil mit einem Hin­weis auf die eige­ne Web­sei­te zu ergän­zen.

Ide­en für Künst­ler und Auto­ren:

  • Inhal­te auf Wiki­pe­dia ein­stel­len (etwas bei­tra­gen, kei­ne plum­pe Wer­bung!)
  • Bil­der auf Wiki­me­dia Com­mons tei­len
  • Bei­trä­ge in pas­sen­den Foren und Leser­netz­wer­ken tei­len

Die obi­gen Bei­spie­le las­sen sich bestimmt noch erwei­tern. Mit “Soci­al Payments” und dem Crowd­fun­ding-Prin­zip sind wei­te­re Geschäfts­mo­del­le ent­stan­den, mit dem krea­ti­ve Pro­jek­te finan­ziert wer­den kön­nen. Wei­te­re Ide­en zu neu­en Geschäfts­mo­del­len für Künst­le­rin­nen und Künst­ler gibt es auf den Sei­ten der Pira­ten­par­tei. Kos­ten­lo­se Ange­bo­te im Netz sind auch in die­sem Fall wich­tig, damit sich das Publi­kum schnell ein Bild machen kann, ob es die Künst­le­rin oder den Künst­ler för­dert. Bei sämt­li­chen Gra­tis-Model­len kommt es vor allem dar­auf an, nicht nur authen­ti­sche und gehalt­vol­le Inhal­te anzu­bie­ten, son­dern die­se Ange­bo­te mit der eige­nen Online-Prä­senz zu ver­net­zen, damit die bes­se­re Reich­wei­te zu einem grö­ße­ren Publi­kum führt. Das schöns­te Gra­tis-Ange­bot nützt wenig, wenn es nicht durch eine eige­ne Web­sei­te ergänzt wird. Nut­zer sind stets neu­gie­rig auf kos­ten­lo­se Ange­bo­te im Netz. Wenn das Publi­kum von dem Ange­bot über­zeugt ist und die Wer­ke ein­fach wei­ter­emp­feh­len kann, wird es deut­lich leich­ter, von der eige­nen Kunst zu leben.